Freudlos und ziellos während der Pandemie: Das ist Languishing


Falls sich bei dir während der Pandemie ebenfalls irgendwann ein taubes Gefühl der Freud- und Ziellosigkeit eingeschlichen hat, bist du nicht allein.

Bei mir hatte es schon seit Monaten Einzug gehalten, bis mir richtig bewusst wurde, was es war:

Languishing.

Der Begriff definiert in der Psychologie die schlichte Abwesenheit von Wohlbefinden. Dieser Zustand ist im Unterschied zur Depression eher unauffällig und wird häufig nicht bemerkt. Die Symptome sind oft fehlende Motivation, emotionale Distanz und mangelnde Konzentrationsfähigkeit.

Darauf aufmerksam machte mich meine Partnerin, als sie im Internet über diesen Begriff stolperte.

Plötzlich machte es Sinn, dass ich mich seit langem so merkwürdig fühlte. Weder depressiv noch zufrieden war ich. Irgendwie steckte ich in der neutralen Mitte fest.

Und ich war damit nicht allein.

Etliche Gespräche, mit FreundInnen, Familie, ArbeitskollegInnen und flüchtigen Bekannten haben bestätigt, dass dieser Gemütszustand weit verbreitet ist.

Natürlich gab es das Gefühl auch vor der Pandemie, doch ist die Zunahme erschreckend – irgendwie aber auch nicht verwunderlich:

Languishing hat die anfänglichen Unsicherheiten, Ängste und Stress aus den Anfängen der Pandemie abgelöst. Meist nachdem diese Gefühle ausgebrannt waren und sich eine Gewohnheit an die Umstände einstellte (statt einer erhofften Rückkehr zur Normalität).

Aufgekommen ist dieser Begriff übrigens 2002 im wissenschaftlichen Artikel The Mental Health Continuum: From Languishing to Flourishing in Life von Psychologe/Soziologe Corey L. M. Keyes.

Symptome – Hinweise auf Languishing

Das sind die häufigsten Symptome, die beobachtet werden können. Möglicherweise treffen eines oder mehrere auch auf dich zu:

  • Stimmungen, die weder als gut noch schlecht beschrieben werden (Du bist nicht glücklich, aber würdest auch nicht sagen, dass du traurig bist)
  • Innere Unruhe ohne sich ängstlich zu fühlen
  • Fehlende Motivation (Du fühlst dich häufiger unmotiviert als sonst)
  • Schwankende Konzentrationsfähigkeit (Schwierigkeiten, sich auf bestimmte Aufgaben zu konzentrieren, mit sich verändernder Intensität)
  • Apathie gegenüber dem Leben (Schwierigkeiten sich für etwas zu begeistern)
  • Müdigkeit
  • Verlust des Interesses an Leidenschaften und Hobbys
  • Burnout
  • Gefühl der Stagnation
  • Emotionale Distanz (das Gefühl, vom Leben, von Aufgaben oder von Menschen losgelöst zu sein, aber keine negativen Gefühle diesen gegenüber zu empfinden)
  • Das Gefühl, vom eigenen Lebenszweck getrennt zu sein

Es ist möglich, dass du andere Empfindungen hast, die hier nicht aufgeführt sind, aber dich dennoch im beschriebenen Gemütszustand zurücklassen. Du kannst mir gerne von deinen Erfahrungen schreiben. Ich würde mich freuen.

Welche Gruppen sind besonders häufig betroffen

Hierzu wurde eine Studie von ipsos.com durchgeführt, bei Personen verschiedener Generationen befragt wurden:

Das grösste Risiko trugen die folgenden Gruppen:

  • Die Generation der Millenials (Jahrgänge zwischen ’81 und ’96)
  • Personen ohne höhere Schuldbildung
  • Ledige Personen

Gefahren von Languishing

Abgesehen davon, dass das Leben wenig erfüllend ist, wenn das geistige Wohlbefinden fehlt, ist der Zustand von Languishing laut dieser Studie eine Ausgangslage, welche Depression und andere mentale Erkrankungen (z.B. Angstzustände) begünstigen können.

Kleiner Absatz, aber mit viel Gewicht. Dieses Risiko sollte nicht unterschätzt werden.

Was tun gegen Languishing?

Nun da wir wissen, dass Languishing sich nicht sonderlich schwerwiegend anfühlt, aber durchaus seine Probleme mit sich bringen kann, stellst du dir vermutlich die Frage, wie du Languishing angehen kannst, um mehr Wohlbefinden zu erreichen.

Die effektivste Methode gegen Languishing ist „Flow“ – der Zustand höchster Konzentration und völliger Versunkenheit in einer Tätigkeit. Geeignete Tätigkeiten, um diesen Zustand zu erreichen, weisen typischerweise folgende Eigenschaften auf: Fortschritt, Aufmerksamkeit, Bedeutung.

Die drei genannten Eigenschaften wurden von Adam Grant in diesem Zusammenhang genannt und bedürfen vermutlich einer kurzen Erklärung:

Fortschritt: Tätigkeiten, die in irgendeiner Weise Fortschritt aufweisen, sind häufig ein guter Einstieg in den Flow und sorgen dafür, dass wir das Interesse auch langfristig behalten können. Solange der Fortschritt da ist, kann er in sehr kleinen Schritten erfolgen.

Aufmerksamkeit: für das Erreichen des Flow-Zustands ist es wichtig der Tätigkeit seine Aufmerksamkeit zu widmen. Die gesamte. Das fällt insbesondere in unserer reizüberfluteten Umwelt häufig schwer. Daher gilt es störungsfreie Räume (zeitlich und physisch) zu schaffen. Fange mit kleinen Blöcken an, um dich daran zu gewöhnen und erhöhe nach und nach. Die bekannteste Variante dieser Methode ist übrings als Pomodoro Technik bekannt.

Bedeutung: Tätigkeiten mit Bedeutung sind besonders geeignet, da das Gefühl etwas beizutragen (in welcher Weise auch immer), es uns so leichter macht unsere Aufmerksamkeit einer Sache zu widmen. Auch die Befriedigung während der Tätigkeit, ist für gewöhnlich entsprechend höher. Ist diese Komponente in der Tätigkeit gegeben, kann Flow der höchsten Stufe erreicht werden.

Eine solche Tätigkeit (mit idealerweise allen drei Komponenten) verleiht dem Alltag wieder ein Ziel und somit Sinn. Das wiederum kann sich auf den gesamten Alltag auswirken und das Wohlbefinden wieder herstellen.

Für mich ist so eine Beschäftigung beispielsweise – wär hätte es gedacht – das Schreiben. Sei es an einem Artikel oder meinem Buch: wenn mich die Tristheit wieder einzunehmen scheint, halte ich mir vor Augen, dass ich in einigen Stunden, wieder an etwas schreiben kann – oder tue es direkt, wenn ich die Möglichkeit dazu habe.

Dieser Fokus auf das Kommende und später dann die tatsächliche Ausübung, lösen die Gefühle der Lustlosigkeit und Antriebslosigkeit recht zuverlässig ab.

Das habe ich besonders im ersten Jahr der Pandemie erlebt. Zu Beginn gab es neben Arbeit und Schlafen kaum etwas. Soziale Kontakte waren auf ein absolutes Minimum reduziert und fanden lange Zeit nur online statt. Der so freiwerdende Raum wurde zu einem großen Teil von Passivität eingenommen und resultierte in unzähligen Stunden auf Instagram und Co. ohne wirklichen Sinn und Zweck.

Natürlich gab es auch schöne Erlebnisse während der Lockdowns und auch du wirst dich vermutlich nicht permanent taub fühlen. Genau das ist ein weiterer Grund. warum es so schwer ist. Languishing wahrzunehmen. Dennoch ist dieser Zustand mehrheitlich präsent.

Dann passierte aber etwas. Ich fand eine Tätigekeit mit Bedeutung. Immer wieder gelang es mir dann, an gähnend langweiligen Abenden der Versuchung von Instagram, Netflix und Co. zu widerstehen und wieder vermehrt zu schreiben.

Ich tat das nicht absichtlich, um dem Languishing entgegenzuwirken, sondern eher per Zufall oder möglicherweise, weil mein Unterbewusstsein nach einer geeigneten Beschäftigung suchte. Egal, was es letztlich war, ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen durfte und immer noch mache.

Ich kann beobachten, dass es mir immer leichter fällt, in den Flow zu gelangen (manchmal klappt es aber ehrlich gestanden gar nicht – auch das ist okay). Jedenfalls fühle ich mich auch abseits des Schreibens wieder viel wohler und entspannter.

Hierfür nehme ich mir gerne abends Zeit, je nach Situation, eine oder mehrere Stunden. Es erfordert meine Aufmerksamkeit und ermöglicht mir, in der Tätigkeit aufzugehen, um das jeweilige Projekt voranzubringen. Den Blog wachsen zu sehen und die Aussicht, dass Leute die Artikel lesen werden schafft Erfüllung.

Wie du siehst, sind alle drei Komponenten für den Flow gegeben.

Vielleicht warst du einen Moment verwundert, dass „Flow“ als bestes Mittel gegen Languishing genannt wurde. Jetzt wo der Hintergrund erläutert wurde, leuchtet es vermutlich ein, aber die Chancen stehen gut, dass du dich fragst, wie es mit einem anderen Mittel aussieht. Es könnte gut sein, dass dir vielleicht zuerst folgendes als Antwort in den Sinn kam:

Optimismus. Gemäss Adam Grant (hier gehts zum TED Talk) hat man die besten Chancen sein Wohlbefinden wiederzuerlangen, nicht durch Optimismus. Entgegen der häufigen gesellschaftlichen Suggestion bei psychischen Belastungen.

Sätze wie „Schau einfach auf die positiven Dinge“ kennt vermutlich jeder. Sie sind aber nicht immer zielführend. Es kann sogar ein negativer Effekt erzielt werden, indem Betroffenen eine Erwartungshaltung vermittelt wird, dass nur positive Gefühle valid und akzeptiert sind. Im schlimmsten Fall kann das zu „Toxic Positivity – also vergiftender Positivität – führen. Das Thema wird in dieser Studie behandelt, aber als Kurzfassung können wir festhalten, dass die Wertung von Emotionen ein riskantes Vorgehen ist, da jede Emotion seine Daseinsberechtigung hat.

Ich denke dennoch, dass ein gewisser Grad an Optimismus, für die Bewältigung von Schwierigkeiten hilfreich ist. Hiermit meine ich aber nicht ein krampfhaftes Schönreden von unschönen Umständen, sondern vielmehr ein Ändern des Betrachtungswinkels.

Ich halte mir beispielsweise gerne vor Augen, dass ich durch die Pandemie und das erlebte Languishing meine Grenzen besser kennenlernen konnte, Leidenschaft entdeckt habe und mich sensibilisieren konnte, dass viele andere ebenfalls von Languishing betroffen sind. Falls du jemanden kennst, der seine Gemütslage ähnlich beschreibt, kannst du gerne diesen Artikel mit dieser Person teilen. Wir sitzen schließlich alle im selben Boot. 🙂

Dieser Artikel dient als lose Zusammenfassung der Ergebnisse meiner Recherche sowie meiner Gedanken und Erfahrungen mit diesem Thema, welches ich neu für mich entdeckt habe und dich möglicherweise auch betrifft.

Auch wenn es sich beim Languishing nicht um eine klassische Diagnose der psychischen Gesundheit handelt, sind die Gefühle, die du erlebst, gültig und real.

Ob es genau Languishing ist, was du durchlebst, kann ich leider nicht beantworten. Ich möchte dich aber ermutigen dir eine neue Tätigkeit zu suchen, in der du Sinn finden kannst. Wer weiß, vielleicht entdeckst du auch ein altes Hobby wieder.

Eins noch: Wenn du um deine deine geistige Gesundheit besorgt bist, solltest du in Betracht ziehen Kontakt zu geschulten PsychologInnen aufzunehmen. 


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Quellen:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2978199/

https://www.jstor.org/stable/3090197?origin=JSTOR-pdf

https://www.ipsos.com/sites/default/files/ct/news/documents/2021-05/Understanding%20Society%20Topline%20042821%20-%20Languishing.pdf

https://psycnet.apa.org/record/2008-01232-003

https://www.nytimes.com/2021/04/19/well/mind/covid-mental-health-languishing.html

https://www.ted.com/talks/adam_grant_how_to_stop_languishing_and_start_finding_flow/transcript

https://psychcentral.com/depression/what-is-languishing#who-experiences-languishing

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