Was ist Quiet Quitting? Alles was du wissen musst


In der Arbeitswelt gibt es meistens einen bestimmten Trend oder ein bestimmtes Phänomen der in aller Munde ist. In den letzten Jahren wurde viel über die sogenannte Hustle Culture berichtet (hier gehts zum entsprechenden Artikel). Aber im letzten Jahr taucht immer häufiger ein neuer Begriffe auf: Quiet Quitting. Doch was genau ist das eigentlich? Ich habe mich mit dem Thema näher beschäftigt und Spannendes entdeckt, das ich gerne mit dir teilen möchte.

Kurz gesagt:

Quiet Quitting (zu dt. „Stilles kündigen“) ist eine Bewegung, die seit 2021 fahrt aufgenommen hat. Während der Trend alles für den Job zu geben lange anhielt, möchten viele Leute nur noch das vertraglich vereinbarte Minimum für ihren Job leisten, während meist bereits eine neue Tätigkeit gesucht wird.

Quiet Quitting ist das Gegenstück zur Hustle Culture. Während der Trend alles für den Job zu geben lange anhielt, hat sich im Zuge der Pandemie gezeigt, dass viele Leute im Bezug auf Ihre Arbeit weniger Einsatz zeigen. Überstunden und auch Verzicht im Privatleben werden nicht mehr toleriert.

Es wäre naheliegend zu vermuten, dass die aktuelle Wirtschaftslage (vor allem in Verbindung mit Pandemie, Dürre und Krieg) die Menschen risikoscheuer macht und Menschen aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes eher bereit sind, mehr Belastung auf sich zu nehmen und nicht weniger.

In diesem Artikel werden wir uns ansehen, was hinter dem Phänomen steckt, wie es dazu kam und ob es moralisch vertretbar ist.

Quiet Quitting: was ist das eigentlich?

Wie erwähnt, ist Quiet Quitting das Gegenstück zur Hustle Culture. Daher werden wir kurz umreißen, was die Hustle Culture ist:

Hustle Culture beschreibt den starken Ehrgeiz, im Beruf alles zu geben. Überstunden und Vernachlässigung des Privatleben sind eine Selbstverständlichkeit, um in der Karriere voranzukommen. Besonders (aber nicht nur) bei Selbstständigen und Personen in Führungspositionen ist dieser Lifestyle oft zu beobachten.  

Das wäre also geklärt. Was ist jetzt also Quiet Quitting genau?

Quiet Quitting ist das Verringern der persönlichen Arbeitsleistung auf das vertraglich vereinbarte Minimum. Gerade gut genug, um sich keinen Ärger einzuhandeln oder besonders negativ aufzufallen. Überstunden werden vermieden und zusätzliche Aufgaben oder Projekte werden nicht auf sich genommen.

Häufig geht diese verminderte Leistungsbereitschaft mit einer beruflichen Neuorientierung einher. Viele “Quiet Quitter” starten Bewerbungsläufe für neue Jobs oder beginnen sich einen Nebenverdienst aufzubauen, um ab einem gewissen Punkt tatsächlich zu kündigen.

Wieso Quiet Quitting statt direkt kündigen?

Die Gründe für Quiet Quitting können unterschiedlich sein, doch am häufigsten stehen das Angewiesensein auf das Einkommen oder fehlende Jobalternativen im Vordergrund, aber auch ein weiter entferntes Eintrittsdatum bei einem neuen Arbeitgeber kann ein Grund sein. So wird Quiet Quitting typischerweise als stille Übergangsphase zwischen dem aktuelle, Job und etwas Neuem genutzt. 

Dadurch, dass kein erhöhter Aufwand mehr für den aktuellen Job betrieben wird, lässt sich die freigewordene Zeit und Energie für neue Projekte verwenden. Es gibt aber auch etliche Berichte von Quiet Quittern, die sich schlicht auf Freunde, Familie oder Hobbies fokussieren möchten.

Die letzte Gruppe der Quiet Quitter sind die, die sich nicht dazu durchringen können selbst zu kündigen und hoffen, dass sie stattdessen gekündigt werden. Je nach Land bietet das den Vorteil einer Abfindung oder höhere Arbeitslosengelder. 

Warum nimmt Quiet Quitting gerade jetzt zu?

Es gibt verschiedene Theorien, wieso Quiet Quitting immer mehr Fahrt aufnimmt, aber eine der plausibelsten ist, dass die Pandemie vielen Angestellten gezeigt hat, für das Unternehmen entbehrlich zu sein – obwohl man vielleicht seit 15 Jahren alles für es gegeben hatte.

Einfach freigestellt oder in Teilarbeit geschickt zu werden hinterlässt kein gutes Gefühl und führt oft zur Überlegung, ob die ganzen erbrachten Opfer es überhaupt wert waren oder ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre auf Arbeit nur noch das absolute Minimum an Leistung zu erbringen. 

So überrascht es eher wenig, dass viele genau zu diesem Schluss kommen.

Ein weitere Grund wieso Quiet Quitting immer populärer wird, ist der laufende Generationenwechsel. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer Generation aus dem Arbeitsmarkt, fließen auch gewisse Werte und Vorstellungen ab. Stattdessen sind die Überzeugungen von Millennials und Gen Z immer präsenter. Hierzu zählen zum Beispiel, die klare Trennung zwischen Beruf und Freizeit sowie das Motto “Arbeiten um zu Leben”, während ältere Generationen oft (bewusst oder unbewusst) “Leben um zu arbeiten”.

Verwandter Artikel: Wieso geringes Einkommen oft so verachtet wird

Lukas und ich haben beispielsweise häufig Unterhaltungen unserem Vater über das Berufsleben. Der Gedanke häufig den Arbeitgeber zu wechseln ist etwas, was bei ihm Nervosität und das Gefühl von Unsicherheit hervorruft, geschweige der Gedanke an Branchenwechsel. Er ist unseren Überzeugungen gegenüber äußerst tolerant, aber seine Vorstellung vom idealen Berufsleben ist geprägt von langer Betriebszugehörigkeit. Überspitzt gesagt: eine Ausbildung mit guten Noten abschließen, vom Betrieb übernommen werden und über die Jahre langsam auf der Karriereleiter aufsteigen.

Tatsächlich legt die Realität aber ein anderes Bild nahe: Der Verdienst bei langer Betriebszugehörigkeit stagniert in den meisten Fällen, während Personen, die den Arbeitgeber häufiger wechseln, oft beachtliche Gehaltssprünge hinlegen. Zwischen 5 und 20% mehr Gehalt kann ein Arbeitgeberwechsel mit sich bringen, zeigen Karriereplattformen (siehe Beispiel hier https://karrierebibel.de/jobwechsel-gehalt/).

Es ist also eine Mischung, die zu mehr und mehr Quiet Quitting führt. Aber…

Pin merken und später schnell wiederfinden. 🙂

Ist Quiet Quitting moralisch vertretbar?

Wenn es dir wie mir geht, löst die Schilderung von Quiet Quitting ein gewisses Gefühl des Unbehagen aus. Beinahe so, als wäre ein solches Verhalten dem Arbeitgeber gegenüber nicht okay. Aber ist Quiet Quitting tatsächlich unangebracht oder gar unmoralisch?

Arbeitnehmer:innen sollten nicht generell nur das Minimum leisten. Wenn die Arbeit Spaß macht oder man entsprechende Anerkennung erhält (sei es in Form von Lob/Feedback, monetär, zusätzlicher Freizeit oder anderen Zusatzleistungen wie einem Firmenwagen), kann es durchaus für beide Parteien passen und es wird gerne etwas mehr für das Unternehmen getan.

Ist das aber nicht der Fall, bin ich der Auffassung, dass es völlig legitim und definitiv moralisch vertretbar ist, das zu leisten, was vereinbart ist – und nicht mehr.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter (und damit vielleicht etwas ins Extreme), aber ich denke, dass die “Ja, Chef. Aber natürlich. Mache ich gerne über das Wochenende”-Haltung ein antiquiertes Überbleibsel aus der Zeit der Industriellen Revolution ist, während der Menschen als billige und austauschbare Arbeitskraft angesehen wurden, die man ohne weiteres ausbeuten kann und Angestellte dazu bewegte beinahe alles zu tun, um die Anstellung nicht zu verlieren.

Heutzutage, sollte niemand mehr das Gefühl haben etwas tun zu müssen, dass nicht in das vereinbarte Leistungsbild des Jobs passt.

Besonders, da es so gut wie nie vorkommt, dass Arbeitgeber mehr für die Angestellten tun, als vertraglich geregelt. Ich persönlich kenne nicht ein einziges Beispiel, wo das der Fall wäre. Falls du eines kennst, würden Lukas und ich sehr gerne davon hören. Du kannst uns gerne eine kurze Mail schicken.

Ob es aber okay ist sich auf Arbeit derart zurückzulehnen, dass der Arbeitgeber über kurz oder lang die Kündigung überreicht damit man eine legere letzte Zeit im Job hat und um sicherzustellen, dass man eine Abfindung bekommt und/oder entsprechende Ansprüche auf Arbeitslosengeld nach einer eigentlich selbstverschuldeten/-verschuldeten Arbeitslosigkeit, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Andere Perspektiven zum Thema Quiet Quitting

In den letzten Monaten hat sich das Thema zu etwas Großem entwickelt. Als ich diesen Artikel geschrieben habe, gab es bei Google so gut wie nichts über dieses Phänomen zu finden. Jetzt gibt es tonnenweise Artikel darüber. Sogar von den ganz Großen wie Fortune, finance.yahoo und so weiter.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass dieses Thema auch in den sozialen Medien an Aufmerksamkeit gewinnt. Es gibt zahllose Diskussionen darüber, ob Quiet Quitting in Ordnung ist oder nicht, was die tatsächlichen Ursachen sind oder ob es nichts weiter ist als ein Missverständnis der Arbeitgeber, dass ihren Mitarbeitern einfach Grenzen gesetzt werden, wie The Times auf Twitter schrieb:

Es gibt auch einen BBC Artikel, den ich sehr interessant fand, da er darauf hinweist, dass Quiet Quitting eigentlich nichts Neues ist. In dem Artikel wird Professor Anthony Klotz zitiert:

„Obwohl dies von einer jüngeren Generation und in neuer Verpackung kommt, wird dieser Trend schon seit Jahrzehnten unter verschiedenen Namen untersucht: Disengagement, Vernachlässigung, Rückzug.“

Und in der Tat hat es schon immer Bewältigungsmechanismen gegeben, wenn man sich nicht mehr fit für den Job fühlt. Ich finde, dass der Grund dafür, dass dieses Arbeitsphänomen so unglaublich sichtbar ist, einfach der starke Kontrast zu den letzten zehn Jahren ist, in denen die Hustle-Kultur gepriesen wurde.

Ist das Aufkommen von Quiet Quitting eine Generationensache?

Das ist eine weit verbreitete Annahme, denn es scheinen vor allem Menschen in ihren Zwanzigern und Dreißigern zu sein, die ohne Vorankündigung kündigen.

Es gibt ein paar Argumente, die diese Theorie stützen, aber ich möchte zwei davon schnell widerlegen:

Es wird oft behauptet, dass junge Menschen nur wegen des Geldes dabei sind, aber nicht bereit sind, zu arbeiten. Wenn man sich jedoch die Statistiken ansieht, welche Generationen eher bereit sind, für Start-ups zu arbeiten (die in der Regel vergleichsweise niedrige Löhne für den Arbeitsaufwand haben), liegen Gen Z und Millenials ganz vorne, wie Studien herausgefunden haben (z. B. diese Studie). Natürlich sind diese Generationen von Natur aus stärker mit innovativen Bereichen konfrontiert, was erklärt, warum sie die Mehrheit der Beschäftigten in Start-ups stellen, aber es zeigt, dass es nicht ein Mangel an Arbeitswillen ist, der das Quiet Quitting fördert.

Das zweite Argument ist, dass die heutige Generation narzisstischer ist. Dafür gibt es jedoch keine Belege, denn Studien haben gezeigt, dass Millennials tatsächlich weniger narzisstisch sind als frühere Generationen (und sogar mehr bereit sind, sich freiwillig zu engagieren) IF vergleicht die Generationen im gleichen Alter. Es ist ganz offensichtlich, dass junge Menschen narzisstischer sind als in höherem Alter und das war früher bei älteren Generationen nicht anders. Narzissmus ist einfach etwas, das mit dem Alter tendenziell abnimmt. Wenn überhaupt, ist es also ein Grund dafür, dass die jüngeren Generationen jünger sind.

Was ist also der wahre Grund für den jüngsten Anstieg des Quiet Quitting?

Die Antwort könnte sehr einfach sein: Das Internet.

Mit dem Aufkommen von sozialen Medien, Jobbörsen und anderen Online-Tools ist es sehr einfach geworden, einen neuen Job zu finden. Du kannst dich auf Stellen bewerben, ohne überhaupt mit dem Arbeitgeber zu sprechen. Der ganze Prozess ist viel anonymer, was es viel einfacher macht, fristlos zu kündigen.

Außerdem hat es das Internet viel einfacher gemacht, Informationen über die fristlose Kündigung zu finden. Vor 10 Jahren hättest du es schwer gehabt, Artikel oder Diskussionen zu diesem Thema zu finden. Jetzt gibt es tonnenweise Ressourcen, die mit nur wenigen Klicks verfügbar sind.

Und nicht zuletzt hat das Internet es viel einfacher gemacht, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Wenn du das Gefühl hast, dass du der Einzige bist, der über eine fristlose Kündigung nachdenkt, kannst du jetzt leicht andere finden, die das Gleiche getan haben oder es in Erwägung ziehen. Das macht es viel weniger beängstigend und hilft, die Idee zu normalisieren.

Als Folge davon ging Quiet Quitting viral und es scheint, dass es noch nicht nachlässt.

Wie sieht also die Zukunft von Quiet Quitting aus?

Es ist schwer zu sagen. Das Internet ist ein mächtiges Werkzeug und hat die Art und Weise, wie wir unseren Job kündigen, bereits verändert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Trend in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird.

Es ist aber auch möglich, dass die Arbeitgeber anfangen, sich zu informieren und ihre Politik zu ändern. Einige Unternehmen haben zum Beispiel damit begonnen, eine zweiwöchige Kündigungsfrist zu verlangen.

Die Zukunft von Quiet Quitting ist also ungewiss. Aber eines ist sicher: Das Internet hat es viel einfacher gemacht, fristlos zu kündigen, und dieser Trend wird bleiben.

Ich hoffe der Artikel hat dir einen guten Überblick verschafft und viele Fragen beantwortet. Auf diesem Blog erfährst Du alles möglich darüber wie man gut und vorallem zufrieden lebt. Wir ziehen hierfür viele philosophische Konzepte heran, die sich sehr bewährt haben. Beispiel gefällig? Zitate erläutert: Laotse über gute Anführer (Lesedauer 2 Minuten)

6 Gedanken zu "Was ist Quiet Quitting? Alles was du wissen musst"

  1. There are Gen Xers who still have the work ethic of the Baby Boomers. Why did you fail to mention the Gen X generation? You DO know the difference, right?

    1. Hi Michael,

      Thanks a lot for your input. Highly appreciated.

      I like the idea of including a part about the generational differences. I will try to add one soon.

      Best,
      Simon

  2. This disgusts me!! I’m a retired self employed business owner, and I find these statements appalling! I employed staff that was totally dedicated and I rewarded them above and beyond for their loyalty and hard work ..they have become life long friends of mine. I never took advantage of their work ethic.. treating employees as you would want to be treated ..known as…the golden rule!! What you give is what you get back!! You should give it a try! Being productive is more rewarding than just going through the motions , so you won’t get fired.. but can still benefit from the employer or system your screwing…the ME generation…This new trend saddens me to say the least!!

  3. Hi Nella,

    Thanks a lot for adding your perspective. We highly appreciate it.

    It sure sounds that your work relationships with your staff were awesome (and it is lovely to hear that they transformed to true friendships).

    It seems you had created the situation I described here:

    „Employees should not generally only perform the minimum. If the work is fun or you receive appropriate recognition (be it in the form of praise/feedback, monetary, additional free time or other fringe benefits such as a company car), it may well suit both parties and they are happy to do a little more for the company.“

    Yet, I think you will agree that there are a lot of examples of employers who are… different from this( to say it in a diplomatic way).

    This is why I tried to write the article as „it depends“. If an employer does NOT value ones work it is okay to do the agreed minimum. As per contract. Why should staff do more while the employer is not?
    However, if an employer DOES value ones work giving a little bit more should be perfectly fine (and in my personal opinion adds to a fullfilling work-life) – even though it is not necessary. Again, as per contract.

    We wish you all the best and thank you for being a role-model in this regard.

    Best,
    Simon

  4. Der Shift von „Leben, um zu arbeiten“ zu „arbeiten, um zu leben“ wurde bereits bei der Generation Y beobachtet. Er ist also keine ganz neue Erfindung der Generation Z.

  5. Ich bin erst jetzt auf die Idee von quiet quitting gekommen. Mein Arbeitgebe hat mich angeworben, wegen meiner Sprachkentnissen. Ich habe zwei Diplome und beherrsche drei Sprachen. Sie zahlen mir das absolute minimum. Natürlich war ich nicht einverstanden, aber es sollte ja nur für das erste halbe Jahr so sein. Jetzt Vertragsverlängerung, natürlich, weil sie brauchen mich ja, aber keine Gehaltserhöhung. Also keine Motivation, keine Anerkennung. Und mit meinen Sprachkenntnissen und meinem persönlichem Einsatz habe ich so viele Kunden bei der Stange gehalten. Nächstes Jahr mache ich einen anderen Job und so lange gibts „quiet quitting“.

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